Das Alleinsein bei der Digitalisierung hat ein Ende – jetzt wird getanzt!

Digitale Transformation ist eine Reise, zum Beispiel auf hoher See. Nicht in der Kajüte, sondern auf dem Hochglanzparkett auf Deck müssen die Ärmel hochgekrempelt und neue Begleiter gefunden werden.
DOMINIK RÜCHARDT (unser Bild), Principal von d1g1tal DEPARTURE, erklärt, was die nächsten (Tanz-)Schritte sind.

Dominik, im Umfeld der Standardisierung bewegt sich viel. Welchen Eindruck macht dies auf dich?
Keine Frage, Standardisierung ist dringend notwendig! Digitalisierung fand bisher vorwiegend hinter verschlossenen Türen innerhalb von abgegrenzten Bereichen und Unternehmen statt, eine echte digitale Transformation indes muss viel weiter gefasst angegangen werden. Das Prinzip „Einzelkämpfer“ müssen wir ad acta legen – jetzt geht es um ein kooperatives Miteinander. Wir dürfen uns von Schlagbäumen, errichtet durch Tools, Unternehmenskulturen oder gelebten Prozessen, nicht mehr aufhalten lassen. Erst das Zusammenfügen von Bausteinen, seien es nun Daten, Systeme oder Lieferketten, ist die Grundlage jeder datengetriebenen Entscheidungsfindung.
Es gibt starke Bewegungen aus Deutschland heraus, von denen die ganze Welt profitieren kann – allen voran die IDTA mit der Verwaltungsschale (Asset Administration Shell, AAS) zur Darstellung interoperabler digitaler Zwillinge. Hinzu kommen industriebezogene Realisierungsinitiativen: man denke nur an all die „X“-Projekte rund um Manufacturing-X, aber auch OPC/UA, Namur, STEP und JT. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, kooperative Ansätze in die Praxis zu bringen.
Es ist wie in der Politik: Standardisierung dauert, weil viele Kompromisse eingegangen werden müssen. Und nicht wenige sind mit der Situation unzufrieden, weil es ihnen zu langsam geht. Aber am Ende werden gemeinsame robuste Lösungen geschaffen. Das ist viel mehr wert als lauter tolle Ideen, die nicht zusammenpassen.

Verstehe ich dich richtig: Ist Standardisierung die Voraussetzung für Investitionen in die Zukunft?
Absolut! Standards schaffen Investitionssicherheit. Kein besonnener Unternehmer investiert in Technologien, von denen er nicht überzeugt ist, dass sie in einer vernetzten Industrie von morgen Früchte tragen. Noch sind viele der großen Innovationen mehr oder weniger im Laborstadium – also in geschützten Räumen –, und über die erwarteten Mehrwerte wird im Konjunktiv gesprochen.
Es ist wie Mikado spielen – alle warten ab, bis sich ein anderer bewegt. Eine sehr anstrengende Situation. Aber im Hintergrund bewegt bereits einiges. Und dann geht es sehr schnell.

Was empfiehlst du Firmen, die sich nun umfassend digitalisieren wollen – etwa, weil sie eine datengetriebene Entscheidungsfindung auf dem Zettel haben?
Daten brauchen ein Zuhause, also einen Kontext und eine zuverlässige Struktur, sonst verlieren sie ihren Wert. Als Erstes geht es deshalb darum, eine offene, zukunftsfähige IT-Architektur zu schaffen und dabei nicht nur auf sich selbst zu schauen, sondern das Umfeld einzubeziehen. Wer trägt zum Mehrwert bei? Es gilt wahrzunehmen, was sich in Hinsicht auf Standards, Plattformen, Verbandsinitiativen sowie bei den Kunden und Lieferanten tut und welchen Einfluss diese externen Effekte auf den eigenen Erfolg haben.
Zusätzlich empfehle ich dringend, die eigene Kernkompetenz zu hinterfragen: Was macht sie heute aus? Wie sieht sie in Zukunft aus? Was werde ich auch in Zukunft besser machen können als andere? Zu viele Unternehmen verzetteln sich bei Themen, die weit von ihrer eignen Kompetenz entfernt liegen. Das ist teuer und ineffektiv und scheitert meistens. Das Spannungsfeld zwischen eigener Kernkompetenz als Ausgangspunkt und dem sich verändernden Umfeld schafft einen Raum, in dem eine Veränderungskultur im eigenen Haus entstehen kann.

Ist es sinnvoll, sich mit anderen zu verbünden?
Auf jeden Fall! Partner müssen gefunden werden, die die eigene Kompetenz ergänzen. Gemeinsam mit ihnen den Aufbruch planen, das ist meine Empfehlung. Es geht darum, neue Wege zu erkunden – Wege etwa, die bereits heute beschritten werden können. Es geht aber auch darum, von neuen Technologien, sich abzeichnenden oder bereits vorhandenen Standards und Systemarchitekturen zu profitieren. Also Augen auf, wer und was reif ist für das echte Business-Leben.

Welche vorbereitenden Maßnahmen empfiehlst du?
Frühjahrsputz und große Pläne schmieden. Sich genau überlegen, wer auf die Reise mitgenommen werden sollte und wer welche Interessen verfolgt. Kleine Schritte gehen und dabei lernen. Dann wird das Tempo automatisch über die Zeit zunehmen. Ich vertrete das Prinzip der ressourcenschonenden Transformation. Das heißt: externe Kräfte bestmöglich nutzen und sich auf die eigene Kernkompetenz konzentrieren. Im Wechsel zu einer datengetriebenen Entscheidungsfindung bedeutet das: Investiere beim Aufbau von Digitalkompetenzen selbst vor allem in die Themen, die unmittelbar an der eigenen Kompetenz hängen, also etwa unmittelbar mit dem eigenen Maschinenpark zu tun haben. Und kaufe alles drumrum zu.

Das klingt nach einer Make-or-Buy-Entscheidung bei der Digitaliserung…
…ist es durchaus. Wenn der Bedarf mit einem Standardangebot abgedeckt werden kann, dann ist dies die erste Wahl. Wenn es um eine branchenspezifische Anforderung geht, suche einen Dienstleister, der in der eigenen Branche damit Geschäfte machen will. Die Geschäftsprinzipien der Digitalwirtschaft unterscheiden sich signifikant von denen einer konventionellen Industrie, etwa in Hinsicht auf die Kostenverteilung über den Lebenszyklus hinweg. Selbst entwickelte Software kann schnell zu einem Millionengrab werden, wenn man sich dabei übernimmt.

Du bist ein ausgewiesener Experte in der Formung von Business-to-Business-Szenarien. Erzähl doch einmal etwas von dir!
Ich habe mich mein ganzes Berufsleben, also über 33 Jahre, mit der Digitalisierung der Industrie und Aspekten von Collaboration befasst – als junger Erfinder von Digital Mock-Up, als Berater bei IBM, als Business Development Manager und Customer Strategy Director bei PTC. Ich habe mich immer zuerst für die Bedürfnisse der Industrie interessiert und dann erst für die Technik. Ich habe mich bereits frühzeitig in Gremien engagiert, wollte damit den Wandel vorantreiben – so im prostep ivip Verein und beim Code of PLM Openness, in der Bitkom, auf der Plattform Industrie 4.0 und in der IDTA.
Meine Erkenntnisse habe ich 2023 in dem Buch „Strategie-Guide Digitale Transformation“ zusammengetragen. Es ist im Hanser Verlag erschienen. Das Buch erklärt die „Start-with-where“-Methodik, die auf eine ressourcenschonende Transformation aufsetzt.
Mich bewegt das Phänomen der digitalen Transformation, weil es ein völlig neues Kapitel in der Industriegeschichte aufschlägt. Anstelle den Fokus auf Optimierung und Effizienzsteigerung zu legen, geht es um Kooperation, wenn man so will: um „Eleganz“ bei der Erscheinung auf dem Parkett der Industrie. Man könnte sagen: Bisher hat sich der Wettbewerb im Kraftraum und beim Marathon abgespielt, jetzt aber geht es um die richtige Partnerwahl für den Tanz. Dabei geht es nicht um Damenwahl, sondern jeder darf sich entscheiden. Das ist eine gewaltige Herausforderung, die ganz andere Kompetenzen verlangt.

d1g1tal AGENDA will mit der Submarke d1g1tal DEPARTURE ein neuartiges Veranstaltungsformat auf dem Weg bringen. Dafür ist dir die Rolle des „Impresario“ zugedacht. Was hast du dir vorgenommen?
Das Erste, was mir dazu in den Sinn kam, war die Hafenkneipe – ein Ort, an dem sich die Neugierigen, die Aufbruchswilligen und Abenteurer treffen und ins Gespräch kommen. Das können alle möglichen Menschen sein. Bei uns werden es Unternehmer, Berater, Digitalanbieter und Dienstleister sein. Das ist wie bei der Schifffahrt, sie besteht ja auch nicht nur aus Kapitänen.
Ich stelle mir unseren Veranstaltungsort also mit Hafenkneipenatmosphäre vor, in der wir Wissen teilen, gemeinsam Pläne schmieden und dann aufbrechen. Es geht darum, sich gegenseitig Feedback zu geben und zu lernen. Wir alle wollen uns weiterentwickeln – das gilt auch für mich. Ich habe bereits einiges in einem Transformationsatlas zusammengetragen. Der Transformationsatlas versteht sich als „lebendes“ Dokument, wenn man so will, das zum Wissensaustausch inspiriert und weiter wächst.
In unserer Hafenkneipe sollen Projekte entstehen. Ziel ist es, in einer Karte für Unternehmensentwicklung die wichtigen Erkenntnisse festzuhalten und sie für den weiteren Austausch zu orchestrieren. Eingeladen sind an diesem „Ankerplatz“ auch Verbände und Organisationen – lasst uns gemeinsam das digitale Haus der Zukunft entwerfen und dieses dann auch errichten!
Das Problem derzeit ist, dass so viel kommuniziert wird, aber keiner mehr die Zusammenhänge versteht, geschweige denn die Reifegrade all der Geschichten, die wir täglich serviert bekommen. Konkret werden wir daher mit einer Veranstaltung im Spätsommer starten. Wir hoffen, eine bunte Mischung an Teilnehmern zusammenzubekommen, mit denen wir konkrete Beispiele aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Ziel ist, sich gegenseitig zu verstehen, voneinander zu lernen und einen robusten Plan für die Zukunft zu entwickeln. Jedenfalls werden wir so über die Zeit unterschiedliche Projekte begleiten. Natürlich müssen wir Vertraulichkeit und Wettbewerbsvorgaben beachten, aber auch mit diesen Spielregeln kann viel passieren, über das wir dann berichten werden – zum Beispiel in d1g1tal AGENDA Magazin.

Viel Erfolg wünsche ich uns!
Fragen: Bernhard D. Valnion

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