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Das Leiden der jungen deutschen Digitalisierung

Trotz aller Bemühungen scheint die Digitalisierung der deutschen Wirtschaft auf der Stelle zu treten. Nur wenige, neue digitale Geschäftsmodelle wurden bisher präsentiert und haben das Potenzial, langfristig erfolgreich zu sein. Trotz unzähliger Konferenzen, einem mutigen neuen Cebit-Auftritt und einer Unzahl publizistischer Aktivitäten zu diesem Thema muss festgestellt werden, dass eigentlich kaum ein Unternehmen wirklich weiß, was diese Digitalisierung eigentlich für es bedeuten soll. Und so leiden die Unternehmen weiter, dabei gibt es Symptome, die verraten, dass es nichts werden kann mit der Digitalisierung, zumindest wenn so weiter gemacht wird, wie bisher.

Überheblichkeit

Wenn man die Diskussionen rund um die Digitalisierung in den deutschen Vorstandsetagen verfolgt – sofern es sie denn überhaupt gibt – erkennt man schnell ein Muster: Es ist doch alles nicht so schlimm und mit unseren Produkten kann auch die beste Digitalisierung nicht mithalten. Auf den ersten Blick mag das durchaus stimmen, hat doch Donald Trump aufgrund des Außenhandelsungleichgewichts Zölle auf deutsche Produkte verhängt. Aber wenn man unser Außenhandelsdefizit einmal richtig analysiert, wird klar, dass doch Handlungsbedarf besteht. Denn bei Dienstleistungen und Kapitalerträgen – und dazu gehören alle digitalen Geschäftsmodelle – ist die Außenhandelsbilanz von Deutschland deutlich schlechter als der USA und alles in allem betrachtet führt es zu einem Patt. (https://www.mdr.de/nachrichten/wirtschaft/ausland/faktencheck-aussenhandel-usa-eu-100.html).



Vielleicht legen die US-Amerikaner ja falsche Fährten und versuchen über einen „Stellvertreterkrieg“ die physischen Produkte der Europäer so unattraktiv wie möglich zu machen, damit die digitalen Leistungen und das Kapital in dem Schatten noch erfolgreicher werden und ihre Vormachtsstellung weiter ausbauen. Und am Ende wird Deutschland und Europa zur digitalen, billig bezahlten Werkbank der restlichen Welt. Es gibt also keinen ersichtlichen Grund, an dieser Stelle überheblich zu sein, sondern es muss langsam bei den Unternehmen ankommen, dass hier im großen Maßstab eine neue Weltordnung geschaffen wird. Aber so lange wir uns auf unseren Produkten und unserer analogen Ingenieurskunst ausruhen, werden wir den notwendigen Wandel nicht bewältigen.

Überjüngung

Digitalisierung ist ein Thema der Digital Natives, meinen zumindest die meisten deutschen Unternehmen (http://www.manager-magazin.de/digitales/it/a-625126.html) und sehen sich in ihrer Einschätzung durch die Bundesregierung bestätigt. Je nach Definition werden die nach 1980 geborenen als Digital Natives bezeichnet, weil sie als erste Generation von Geburt an digitale Technologien kennengelernt haben. Und so finden sich in den Digitalisierungsabteilungen, auf Vorstandsposten und in den Innovation Hubs vor allem unter dreißigjährige mit dem Versprechen, die Unternehmen fit für die Zukunft zu machen. Messbare Ergebnisse sind bisher allerdings nur in Ausnahmefällen zu erkennen. Mit dieser Überjüngung in den Digitalisierungsbereichen wollen die Unternehmen vor allem eins erreichen: cool sein. Was aber dabei vollständig vergessen wird, sind zwei Dinge: Erstens verfügt diese Generation zwar über ein „Digitalisierungsgen“, sie denkt aber nicht wirtschaftlich und in Geschäftsprozessen, da sie es weder gelernt haben, noch damit aufgewachsen sind. Denn in ihrer Zeit war das Internet vor allem eine Ansammlung kostenloser Inhalte und Tools.



Zum Zweiten fehlt dieser Generation die wichtige Erfahrung der „New Economy“ um die Jahrtausendwende. Denn in dieser Zeit war Deutschland schon einmal auf dem Weg, eine bedeutende Digitalisierungsnation zu werden und hat dabei viele Fehler gemacht. Die Erfahrungen aus diesen Fehlern haben aber die Digital Natives nicht, weil sie zu jung dafür sind. Und so werden die gleichen Fehler wieder gemacht und behindern die konsequente Digitalisierung der Unternehmen. Es ist also ein Trugschluss zu glauben, dass man allein durch die Einstellung von Digital Natives die Digitalisierung vorantreiben kann. Unternehmen sollten hier vielmehr auf die Generationen davor setzen, die wissen, wie man digitalisiert, denn so neu ist das Thema ja nun auch wieder nicht, und die vor allem wissen, wie ein wirtschaftliches Unternehmen funktioniert. Damit löst sich übrigens die Diskussion um den Fachkräftemangel wieder auf, denn vielmehr handelt es ich um ein Fachkräfteungleichgewicht, das behoben werden könnte.

Überangst

Dieser fehlende personelle Mittelbau in den Unternehmen ist es, der zu einem weiteren Symptom führt: Die Überangst vor Veränderung und Fehlern. Wenn ein Unternehmen im Bereich Digitalisierung vor allem auf sehr junge Arbeitskräfte setzt, ist doch klar, dass diese keine Entscheidungen für das wirtschaftliche Wohlbefinden eines Unternehmen in Gänze treffen werden oder auch dürfen. Auf der anderen Seite ist in den Vorständen oft die Generation 60+ (http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/beruf/dax-unternehmen-durchschnittsalter-im-vorstand-gestiegen-13586901.html) anzutreffen, die weder willens (noch fähig) ist, die Gesamtveränderung der Digitalisierung zu begreifen und aus diesem Grund auch kaum Entscheidungen in diese Richtung trifft, weil sie die Folgen und Risiken nicht abschätzen können. So entsteht eine Art Überängstlichkeit an der „Basis“, weil man es noch nie gemacht hat und die Verantwortung nicht übernehmen möchte, und am „Kopf“, weil man die Risiken meiden möchte. Es werden lieber keine Entscheidungen oder nur halbherzige getroffen, als Mut zu beweisen. Der einzige Weg bestünde darin, die mittlere Generation zwischen 40 und 50 jetzt auf höchster Ebene einzubinden, um so auch die Verbindung zu den Digital Natives zu schaffen.

Überberatung

Weil in den Vorständen Überangst und der Wunsch nach Schadensbegrenzung umgeht und den „jungen Wilden“ wenig zugetraut werden, haben Berater zu Digitalisierungsthemen Hochkonjunktur. In den letzten Jahren hat die Beraterbranche Zuwachsraten von mehr als 7 Prozent pro Jahr verbuchen können, und dies vor allem mit Digitalisierungsthemen.  (https://www.bdu.de/media/351956/bdu_facts_figures_2017.pdf)



Allerdings beißt sich da die Katze ein wenig in den Schwanz. Denn von den Beratungsunternehmen werden ausgerechnet jene Fachkräfte angeheuert, die man für die Digitalisierung in den eigenen Unternehmen nicht anstellen möchte. Schaut man sich nämlich einmal die Berater genauer an, dann sind es vor allem die 40- bis 50-Jährigen, die als Freiberufler oder innerhalb eines Beratungshauses Unternehmen in der Digitalisierung beraten und Entscheidungen für das Unternehmen vorbereiten und treffen. Unternehmen lassen sich das durchaus etwas kosten, liegen doch die durchschnittlichen Tagessätze dafür jenseits der 1 500-Euro-Marke. Wäre es da nicht sonnvoller, genau diese Personen einzustellen? Denn Beratung hat einen entscheidenden Nachteil: Wenn es schief geht, übernimmt keiner die Verantwortung und das Problem bleibt beim Unternehmen hängen. Die gleichen Mitarbeiter als Unternehmer im Unternehmen („Intrapreneurs“) sind deutlich verantwortungsbewusster als ein externer Berater. Auf der anderen Seite finden sich  nicht selten ehemalige Berater in den Vorstandsetagen und forcieren den Einsatz der ehemals eigenen Zunft, was so ein bisschen an die Quadratur des Kreises erinnert. Denn diese Vorstände sind wiederum dann gar nicht erpicht darauf, echte Experten in diesem Metier einzustellen. Und so lähmen sich die Unternehmen selbst. Nicht nur, dass keine Entscheidungen getroffen werden, sondern das Unternehmen verliert auch noch die besten Mitarbeiter.

Kurzsichtigkeit

Diese Entscheidungsunlust hat sicher auch mit der Dauer eines Vorstands- – oder Geschäftsführungsmandates zu tun. Dieses liegt zwischen sechs und acht Jahren (https://www.familienunternehmen.de/media/public/pdf/publikationen-studien/studien/Studie_Stiftung_Familienunternehmen_Verweildauer-des-Managements-von-Familienunternehmen%20.pdf), was bedeutet, dass ein großer Teil des Managements nicht länger als vier oder fünf Jahre auf seinem Posten ist. So ist man natürlich geneigt, mit möglichst wenig Entscheidungen die Zeit auf diesem Posten so lang wie möglich zu verbringen. Denn, wer nicht entscheidet, macht keine Fehler und damit auch nicht seinen Posten verlieren. Das führt zwangsläufig zu einem gravierenden Problem in der deutschen Digitalisierungsdebatte: Wer von vornherein weiß, dass seine Amtszeit von endlicher Dauer ist, wird nie Entscheidungen treffen, die über diesen begrenzten Horizont hinausgehen.



Und so fehlen in den Unternehmen strategische Entscheidungen und Weichenstellungen, die über den Zeithorizont von zwei bis drei Jahren hinaus gehen. Die Umwälzungen, die durch eine konsequente Digitalisierung entstehen, müssen aber in einem weitaus größeren Kontext gedacht werden, was sich etwa am Beispiel Tesla zeigt: Dass man für ein Elektromobil Batterien und Elektromotoren braucht lässt sich schnell herausfinden. Dass aber bei einem massiven Shift hin zu Software-basierenden Fahrzeugen ganze Regionen leiden werden, erschließt sich nicht sofort. Und so halten die schwäbischen Maschinenbauer weiter an ihren physischen Produkten aus Stahl und Eisen fest und übersehen, dass zukünftig weder das eine noch das andere in der Menge gebraucht wird, da ein Auto dank Software-Updates immer aktuell bleibt. Diese strategische Kurzsichtigkeit führt dazu, das wir in der Digitalisierung weiter abgehängt werden.

Wertelosigkeit

Das letzte und sicher unerwarteteste Symptom der Digitalisierungsschwäche Deutschlands ist eine gewisse vorherrschende Wertelosigkeit in den Unternehmen. Natürlich hat nahezu jedes Unternehmen eine Wertetafel, auf denen die Unternehmenswerte zu lesen sind. Aber einmal ganz ehrlich: Wie viel davon wird denn wirklich im Unternehmen gelebt und vor allem auch offensiv nach außen getragen? Dabei sind die Werte und damit die eindeutige Verortung eines Unternehmens in Sachen Digitalisierung, Alleinstellung und Positionierung („Missioning & Positioning“) wichtiger denn je. Software und Algorithmen sind von niemanden sichtbar und können als Unterscheidungsmerkmal nicht wirklich dienen. Google ist sicher auch deswegen so unglaublich erfolgreich, weil es lange Zeit seinen Status als „lieber Nachbar“ gepflegt hat („Don’t be evil“). Dieses Credo hat sich nun überlebt, weil auch die letzten Nutzer mitbekommen haben, was Google wirklich vorhat, und so ist dieses Statement auch konsequenterweise gestrichen worden – immerhin: Google war lange Zeit der Gute unter den „bösen“ Internetkonzernen und hatte damit eine einzigartige Differenzierung.

Heute macht es die deutsche Suchmaschine Ecosia vor, wie man mit einer werteorientierten Differenzierung erfolgreich sein kann. Denn Ecosia ist die derzeit einzige Suchmaschine, die versucht, Umweltbelastungen, die durch Suchanfragen im Internet ausgelöst werden, zu kompensieren, indem Bäume gepflanzt werden. Na ja, ein wenig teenyhaft ist das ja schon. Aber, es ist wichtig, möglichst authentische Werte zu leben, denn diese dienen als roter Faden für die Digitalisierung und helfen Entscheidungen richtig zu treffen.

Fazit

Natürlich, nicht jedes Unternehmen leidet an allen hier beschriebenen Symptomen, aber selbst wenn nur eines davon zutrifft, führt dies zu einer gefährlichen Langsamkeit in Sachen Digitaler Transformation. Die Empfehlung der Redaktion lautet daher:

  1. Treffen Sie Entscheidungen. Jetzt!
  2. Nutzen Sie das Wissen der Generation 40+! Sie werden es nicht bereuen.
  3. Holen Sie sich digitale Wertschöpfung ins Haus! Digitalisierung lässt sich nicht outsourcen.
  4. Holen Sie sich Ihr d1g1tal AGENDA Abo! Wir zeigen Ihnen, wie es besser geht.

Sebastian Grimm für d1g1tal AGENDA

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