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Geometrie braucht keine Übersetzung

Technische Erläuterungen brauchen zur Erklärung viele Worte – eine 3D-Animation nicht einmal eines. Aus CADplus 1/2001.

Mit dem Mythos von Babylon fing alles an. Unbestritten hat sich eine Differenzierung der Sprachen und eine damit einhergehende Separierung der Menschen nach Sprache und Kulturkreisen vollzogen. In der Entstehung der Schrift können wir eine ähnliche Entwicklung beobachten. Dort lief die Differenzierung von der einfachen Höhlenmalerei über Piktogramme bis zur ersten hochkomplexen Schrift, der Keilschrift der Sumerer.
In der technischen Dokumentation reichen in der Regel weder allgemeinverständliche Piktogramme und Symbole noch detaillierte Illustrationen aus, um die komplexen Sachverhalte verständlich darzustellen. Es wird daher in einem gehörigen Maße auf beschreibende Texte zurückgegriffen. Dass allerdings auch sehr gut geschriebene technische Texte oft nur schwer zu verstehen sind, steht außer Frage. Im Rahmen der Übersetzung von solchen technischen beschreibenden Texten stellen sich zumindest die folgenden Sachverhalte als weitere Probleme ein: Die Übersetzung ist meist noch weniger verständlich und mehrere Übersetzungen in viele verschiedene Sprachen lassen sich nur mit einem erheblichen Aufwand erstellen. Heute – in der zunehmenden Globalisierung speziell durch das Internet – müssen Sprachbarrieren sehr schnell und ohne Informationsverlust überwunden werden. Aus diesem Grunde ist eine sprachenunabhängige technische Dokumentation, soweit sie denn möglich ist, ein Desideratum. Als erste Ansätze in diese Richtung kann man das vermehrte Auftauchen von Piktogrammen und Icons als Symbole für dahinterstehende Informationen oder Vorgänge verstehen. Weiterhin stellen die üblichen Illustrationen und Explosionszeichnungen der technischen Dokumentation sprachenunabhängige Darstellungsformen dar. Allerdings benötigen diese Illustrationen oft ein gehöriges Maß an Abstraktionsvermögen. Dennoch gilt die recht platte Formel: „Ein Bild sagt mehr als 1.000 ~ 322 Worte!”
Das ist sicherlich nicht neu. Mit „Bild” ist in diesem Zusammenhang zunächst ein 2D-Bild gemeint. Ohne Zweifel ist ein solches Bild sprachenunabhängig. Der Betrachter kann es unabhängig von seinen Sprachkenntnissen verstehen. Die Geometrie ist in diesem Sinne eine universelle, für alle verständliche Sprache. Für die verständliche Erklärung von komplexeren Vorgängen reichen die 2D-Darstellungen allerdings nicht immer aus – oder sie verlangen zu viel an Abstraktionsvermögen. Dieser Mangel an Verständlichkeit tritt manchmal schon bei einer Darstellung durch Grund-, Auf- und Seitenriss auf. Gravierend werden die Verständnisschwierigkeiten bei der Darstellung von Einbauanleitungen, Gebrauchsanleitungen oder ähnlich komplexen Abläufen durch 2D-Illustrationen. Mit 3D-Darstellungen kommen wir hier einen gewaltigen Schritt weiter. Im Sinne der oben zitierten Formel behaupten wir schlicht: „Ein 3D-Bild sagt mehr als 32.000 ~ 323 Worte!”
Hier gilt es allerdings zu klären, was unter einem 3D-Bild zu verstehen ist. Wir sprechen von Bildschirm-Darstellungen und verabschieden uns von Papier und Druck. Wir haben eine Vorstellung davon, was ein 3D-Modell im Rahmen von BildschirmDarstellungen ist, obwohl wir von dem 3D-Modell doch nur jeweils ein 2D-Bild auf dem Bildschirm zu sehen bekommen. Allerdings können wir beliebig navigieren (drehen, verschieben, verkleinern und vergrößern), und wir wissen, dass die vollständigen 3D-Daten vorgehalten werden. Das Konzept der Dreidimensionalität lässt sich in diesem Sinne viel ausführlicher diskutieren und zeigen, dass 3D-Modelle den Wert von Kommunikation durch Geometrie im Vergleich zu 2D noch erheblich verbessern.
Es bedarf heute keiner besonderen Computer mehr, um 3D-Modelle anzuzeigen und es sind auch keine besonderen Techniken vonnöten, 3D-Anwendungen im Internet laufen zu lassen. Insbesondere kann man auf solche lästigen Begleiter wie Plug-Ins für die Browser verzichten. Vorgestellt werden also neue Technologien zur 3D-Dokumentation.
Text als vierte Dimension. Selbst mit massivem Einsatz von 3D-Modellen wird man eine vollständige technische Dokumentation nicht ganz ohne beschreibenden Text erstellen können. Das gilt zumindest dann, wenn man sich auf statische Modelle und 3D-Explosionen beschränkt. Wir können aber noch einen Schritt weitergehen und animierte 3D-Modelle zur technischen Dokumentation heranziehen. Damit ist es möglich, zum Beispiel Einbauvorschriften und Gebrauchsanleitungen wie auch andere technische Informationen ganz ohne Text wirklich verständlich und vollständig darzustellen. In diesem Sinne erschließt sich dem geneigten Leser unter Interpretation der Zeit als der vierten Dimension und 3D-Animationen als 4D-Modellen schließlich die Formel: „Eine 3D-Animation sagt mehr als 1.000.000 ~ 324 Worte!”
Fazit. Die Geometrie in Bewegung kann als sprachenunabhängige Form der technischen Kommunikation gute Dienste leisten. Eine Übersetzung ist nicht vonnöten.
MARTIN SCHOTTENLOHER

 


 

 

Reverse Engineering verbindet realen und digitalen Prototypen

Marktübersicht

3D-Laserscan-Systeme verhalfen Reverse-Engineering-Techniken zum Durchbruch. Während man beobachtet, wie der roter Laserpunkt rasch über die Oberfläche streicht, entsteht gleichzeitig auf dem Bildschirm eine Wolke aus 3D-Messpunkten. Gegenwärtige Forschungsarbeiten beschäftigen sich damit, aus ihnen weitgehend automatisiert qualitativ hochwertige CAD-Modelle zu generieren. Der Beitrag ist in CADplus 3/2004 erschienen.

C+03-04-Reverse_E

Freiformflächen-Modellierung der nächsten Generation

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