Im Ökosystem von Bentley Systems hat sich einiges getan. Die diesjährige Anwenderkonferenz mit ihren Keynotes, Podiumsdiskussionen, Workshops und Möglichkeiten zum Hintergrundgespräch kam daher genau zum richtigen Zeitpunkt. Eindrücke vom YII-Mega-Event 2025.
AMSTERDAM / NL, Ende Oktober (bv). Amsterdam feiert dieses Jahr sein 750-jähriges Bestehen, und die Niederlande verfügen mittlerweile über mehr als 1 000 Grachten und rund 22 000 km an Deichen. Diese ausgeklügelte Infrastruktur sorgt dafür, dass das gesamte Land sicher und trocken bleibt, obwohl ein Drittel seiner Fläche unter dem Meeresspiegel liegt. Darunter der Amsterdamer Flughafen Schiphol, auf den Flugzeuge in -4 m Höhe landen. Kein Wunder also, dass Bentley Systems, das weltweit tätige Softwareunternehmen für Infrastrukturplanung mit Fokus auf Klimaschutzmaßnahmen, die Stadt mit ihrem weitläufigen Grachtengürtel als Austragungsort für seine jährliche Konferenz „Year in Infrastructure and Going Digital Awards“ (YII) gewählt hat.
YII brachte weltweit führende Branchenvertreter zusammen, um besondere Leistungen in den Bereichen Infrastrukturentwicklung und digitale Innovation zu präsentieren. Die zweitägige Veranstaltung umfasste Fachvorträge, Keynote-Speaker und die renommierten Going Digital Awards, mit denen visionäre Projekte in den Bereichen Engineering, Design, Bau und Betrieb ausgezeichnet wurden.
In diesem Jahr wurden fast 250 Projekte von Organisationen aus 47 Ländern nominiert. Die Gewinner wurden in zwölf Kategorien von einer unabhängigen Jury ausgewählt. Zu den Preisträgern gehören: das italienische Unternehmen Italferr (Kategorie „Brücken und Tunnel“); das indische Unternehmen Voyants Solutions Private (Städte, Campus und Anlagen); die brasilianischen Unternehmen Deloitte und Vale (Bauwesen); das chinesische Unternehmen Baosteel Engineering & Technology (Energieerzeugung); die saudiarabische Al Madinah Region Development Authority (Geodaten und Realitätsmodellierung); das französische Unternehmen Egis (Projektabwicklung); das indonesische Unternehmen PT Kereta Api (Schienenverkehr); das malaysische Unternehmen Jabatan Kerja Raya Sarawak (Straßen und Autobahnen); das indische Unternehmen AVS Engineers / ISID Architect (Tragwerksplanung); und das US-amerikanische Unternehmen Fervo Energy (Untergrundmodellierung und -analyse). Hinzu kommen China Energy Engineering Group Guangxi Electric Power Design Institute (Übertragung und Verteilung); Indonesian PT Wika Tirta Jaya Jatiluhur (Wasser und Abwasser).
Weitere Auszeichnungen wurden ebenfalls verliehen. So würdigte der Softwareanbieter beispielsweise 18 Projekte mit dem sogenannten „Founders’ Honor“. Diese Auszeichnungen, die von den Gründern von Bentley Systems persönlich vergeben werden, würdigen eine kleine Anzahl beispielhafter Projekte, Einzelpersonen und Organisationen, die die Mission des Anbieters widerspiegeln, die Infrastruktur weltweit für eine höhere Lebensqualität zu verbessern.
Auffallendes Schweigen
Allerdings war wenig über den Industrieanlagenbau im Allgemeinen auf der Konferenz zu hören. Offenbar standen diese Lösungen nicht im Fokus. Wir kontaktierten daher Susanne Trierscheid. Als Vice President von Bentley Systems ist sie für bestimmte Produktgruppen wie MicroStation und OpenBuildings verantwortlich. Zur Klarstellung vorweg: MicroStation wird sowohl als Softwareprodukt als auch als Technologiespender für verschiedene Angebote verstanden, beispielsweise als Geometrie-Engine. Übrigens lassen sich mit MicroStation sogar Freiformflächen modellieren, auch wenn dies nicht ganz einfach ist.
Bentleys Anlagenplanungssoftware heißt „OpenPlant“. OpenPlant Modeler dient unter anderem als 3D-Konstruktionswerkzeug für Rohrleitungen, Anlagen für die Heizung/Klima/Lüftung sowie mechanische und elektrische Ausrüstung in einer kollaborativen digitalen Zwillingsumgebung. OpenPlant PID ist ein 2D-Konstruktionswerkzeug zur Erstellung von R&I-Schemata und deren projektübergreifender Austausch, beispielsweise mithilfe des offenen Datenstandards ISO 15926. PlantSight ruft Daten aus mehreren 3D-Modellen ab und führt sie in einer Gesamtansicht zusammen, und OpenPlant Isometrics Manager generiert intelligente Isometrien aus verschiedenen 3D-Modellquellen.
Bemerkenswert ist auch, dass der reine Anlagenbau nach wie vor rund 15 Prozent zum Gesamtumsatz von Bentley Systems beiträgt. OpenPlant wird beispielsweise im Wasser- und Abwassersektor eingesetzt. Ein Vorzeigeprojekt ist eine sehr große Anlage in Singapur. Doch auf dem deutschen Markt habe man, wie Frau Trierscheid andeutet, gegenüber der Konkurrenz an Boden verloren. Gründe hierfür liegen unter anderem in Umstrukturierungsmaßnahmen, beispielsweise im Vertrieb.
KI: Que sera, sera
Hier in Amsterdam wurde viel über künstliche Intelligenz (KI) in Anwendungen gesprochen. Die erwarteten Effizienzgewinne seien beträchtlich, so das Versprechen: Stunden anstatt Wochen Arbeit. Was steckt dahinter? „Das ist natürlich nur möglich, wenn die KI entsprechend trainiert wird und die Nutzer entsprechend geschult sind. Die Lernkurve verläuft anfangs flach, später aber deutlich steiler“, versprach Frau Trierscheid und fügte hinzu: „Wir werden die kommende Phase des langsamen Lernens nutzen, um unseren Kunden zu zeigen, welche Arbeitsabläufe automatisiert werden können.“ Eine enge Zusammenarbeit sei hier unerlässlich, denn auch die Kunden haben ein großes Interesse am langfristigen Erfolg von Bentley Systems. Ihre Antwort deutet darauf hin, dass die zunehmende Integration von KI zu einer Konsolidierung des Portfolios führen wird. Wie genau dies geschehen soll, muss jedoch noch geklärt werden. Aktuell werden dokumentenbasierte KI-Copiloten eingesetzt. Mit der Agentic AI, die später verfügbar sein wird, lassen sich beispielsweise auch 3D-CAD-Modelle automatisch generieren.
Eine Konferenz wie YII sei auch deshalb enorm wichtig, erklärte die Vizepräsidentin, denn Bentley Systems präsentiert zwar Anwendungsfälle, die Effizienz versprechen, doch die Anwender haben das letzte Wort: „Erst wenn diese von unseren Kunden evaluiert werden, können wir beurteilen, was sinnvoll ist.“ Das kann Monate oder sogar Jahre dauern. „Die Kreativität unserer Kunden im technischen Bereich ist enorm“, betonte Frau Trierscheid. Bentley Systems als Softwareentwickler fehlt es teilweise an Vorstellungskraft dafür. Was den Anwendern jedoch fehlt, ist das Wissen darüber, was Application Lifecycle Management (ALM) wirklich bedeutet. Es umfasst marktorientiertes Release-Management sowie die Bereitstellung von Schnittstellen und entsprechende Investitionen.
Selbstverständlich hat auch KI Einzug in MicroStation Release 2025 gehalten. Eine auf Python basierende Skriptsprache wurde bereitgestellt und ein Python-Assistent aktiviert. Letzterer ist ein sogenanntes SLM (Small Language Model), das es Benutzern ermöglicht, sprachgesteuerte Python-Befehle auszuführen. „Ich erwarte, dass wir in zwei oder drei Jahren einige sehr spannende Anwendungsfälle sehen werden, insbesondere in Verbindung mit Agentic AI“, ist Susanne Trierscheid überzeugt.
Lehren wurden gezogen
Bentley Systems hat in den letzten Jahren einen tiefgreifenden Wandel durchlaufen und den Fokus stark auf die Benutzerfreundlichkeit gelegt. Dabei geht es nicht nur um die ansprechende Darstellung von Icons, sondern vor allem darum, welche Arbeitsabläufe wirklich unterstützt werden müssen, insbesondere bei der Erstellung von Planungsdaten mithilfe von KI. Laut der Vizepräsidentin wurde die Unterstützung zeichnungsbasierter Prozesse wie der Bemaßung nicht vernachlässigt. Benutzer hängen mitunter tagelang oder sogar noch länger mit derartigen Mausklick-Aktionen fest, weil sich beispielsweise Vermessungslinien überlappen. Noch vor wenigen Jahren galten Verbesserungen im 2D-Design als überholt, doch genau das wünschen sich die Benutzer. „Die Zeiten sind vorbei, in denen sich die Forschung und Entwicklung in einem Elfenbeinturm isoliert wähnte, etwas entwickelte und dann Jahre später feststellte, dass der Markt es nicht annahm“, sagte Susanne Trierscheid.
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