Die aktuelle Ausgabe 4/2025 von d1g1tal AGENDA hat als Schwerpunktthema „Software-defined Products”. Das Mitglied der Geschäftsführung der CONTACT Software GmbH (Bremen), Patrick Müller (unser Bild), spannt in diesem Interview den Bogen aber noch weiter. Lesen Sie hier die vom Autoren freigegebene Fassung.
Dr.-Ing. Müller, in wie weit ist das Thema „Software-defined Products“ bei den Kunden von CONTACT Software bereits gediehen?
Unternehmen erkennen immer mehr, dass das Zusammenspiel von Software mit ihrer eigenen Architektur entscheidend für die Entwicklung zukünftiger Produkte ist. Dies betrifft nicht nur den Automobilbau, sondern auch andere Branchensegmente, wie zum Beispiel den Maschinen- und Anlagenbau oder die Automatisierungstechnik. Deshalb rücken die Software-Architekturentwicklung und das Systems Engineering stärker in den Vordergrund. Entsprechend steigen die Anforderungen an Software-definierende Prozesse in der diskreten Fertigung enorm. Aus diesem Grund sprechen wir in diesem Kontext auch von einer „Software-definierten Industrie“.
Letztlich spielt Ihnen das in die Karten, weil Sie ja auch ein Softwareunternehmen vertreten. Wie stehen Sie Ihren Kunden zur Seite?
Wir betrachten das Thema aus zwei wesentlichen Perspektiven: Zum einen aus der des klassischen Product Lifecycle Management (PLM) inklusive der Daten- und Prozessmanagementaufgaben. Zum anderen bietet unsere modulare Plattform, CONTACT Elements, auch über die typischen Fachprozessen des PLMs hinaus eine zukunftsorientierte Unterstützung: CONTACT Elements kann als „Engineering Backbone“ oder als „Engineering Operations System“ implementiert werden und bettet neben den Anwendungsbausteinen auch KI-Fähigkeiten standarisiert systemweit ein. Zudem werden die Prinzipien der Release-Planung und der DevOps aus dem Software-Entwicklungsprozess übertragbar auf den Systementwurf, die virtuelle Absicherung, die Industrialisierung und das Software Deployment. Konkret bedeutet das beispielsweise, dass wir das Anforderungsmanagement eng mit einem Release-Management und einer integrierten Prozessexzellenz verknüpfen. Ziel ist es, die Evolven in den jeweiligen Disziplinen zu dynamisieren und die „harte Verblockung“ aus der traditionellen materialzentrischen Reifegradsteuerung und Produktstrukturbearbeitung zu lösen, um die Prozesse zu beschleunigen.
„Speed“ ist ein wichtiges Stichwort: Lässt sich mit einem Engineering Operations System auch an Fahrt gegenüber traditionellen PLM-Prozessen gewinnen?
Es ist nicht nur möglich, sondern dringend notwendig. Die europäische Industrie steckt in einer Zwickmühle aus Komplexität und Geschwindigkeitsverlust. Der Versuch, heutige Komplexität mit den Methoden aus den 1990er und frühen 2000er Jahren zu beherrschen, hat nahezu flächendeckend zu einem Skalierungsdilemma und damit zu einer massiven Bremswirkung geführt.
Doch die vorhandenen Strukturen und Daten sind auch eine Chance. Denn das darin enthaltende Wissen kann wieder verfügbar gemacht werden: Wenn die Datenorganisation erfolgreich neu geordnet und eine zukunftsgerichtete Releasestrategie weniger materialzentrisch aufgesetzt wird, dann steigt der Wert der Daten für KI-Anwendungen und Prozessbeschleunigungen.
Was verstehen Sie unter „materialzentrisch“?
In klassischen PLM-Architekturen sind Prozesse stark vom Reifegrad physischer Bauteile beeinflusst: Zunächst wird das Design freigegeben, dann kann das entsprechende Teil produziert und eingelagert werden. Mit diesem Ansatz unterwirft man sich dem Materialzyklus mit all seinen Konsequenzen. Er blockiert virtuelle Freigabeprozesse und verhindert die konsequente Weiterentwicklung modularer Produktarchitekturen einerseits und die gezielte Industrialisierung der Baukästen andererseits. Deshalb sollte man sich von diesem Ansatz lösen und die „Kopplungspunkte der Produktarchitekturen“ im Freigabeprozess neu regeln.
Ist CONTACT bereit, die Rolle des Beraters zu übernehmen?
Dafür haben wir nicht immer das Mandat, holen aber gerne Beratungshäuser und Partner mit in die Projekte. Sie bringen neben Methodenkompetenz unter anderem weiteres Skalierungspotential mit und die Unterstützung beim Organisationswandel im Sinne der Software-definierten Industrie, um schnell handeln zu können. Denn die Software-definierte Industrie löst eine gewaltige Veränderung im Mindset und der gesamten Organisation aus. Die neuen Prozesse müssen professionell begleitet werden, damit sie sich etablieren und stabilisieren. Dies entbindet uns selbstverständlich nicht davon, weiterhin Empfehlungen abzugeben und flexibel auf die Veränderungen im Markt zu reagieren. Im Gegenteil, auch wir greifen den Wandel nicht nur in unserem Angebotsportfolio, sondern aktiv in unserer eigenen Organisation auf und wachsen in neue Prozesse und Anwendungsfelder.
Vielen Dank für die Stellungnahme!
Fragen: Bernhard D. Valnion
Mehr hierzu in den Kurzmeldungen (Rubrik „APÉRO“ in der aktuellen Ausgabe).










