Über die Planung von Großflugzeugen und Großanlagen

WÜRZBURG, Mitte Oktober (bv). Einmal im Jahr treffen sich Experten- und Anwender aus den Bereichen Prozessindustrie, IT, Anlagenbau, Anlagenplanung, Anlagenkonstruktion und Instandhaltung auf dem Digital-Plant-Kongress, der von der Vogel-Medien-Verlagsgruppe im eigenen Forum VCC veranstaltet wurde. Inzwischen hat der Kongress zum dritten Mal stattgefunden, so dass die Anfangshürden genommen sind. Neben den zahlreichen Fachvorträgen und Produktpräsentationen bot die begleitende Fachausstellung eine zusätzliche Kommunikationsplattform für Diskussionsrunden und Networking rund um Konzepte der digitalen Anlage. In diesem Jahr stand Standardisierung und Datenintegration im Fokus der Veranstaltung. 
Sven Kleiner von :em engineering methods ging in der Keynote der Frage nach, was der Großanlagenbau von der Flugzeugindustrie, sprich Airbus, lernen könne. Hierzu hatte der Vorstand auch das Mandat von Airbus erhalten.
Airbus kann als erstes europäisches Unternehmen angesehen werden, das sich mit Multi-Site Engineering beschäftigte. Entwicklungsstandorte, die jeweils eng mit der Fertigung kooperieren, befinden sich in Deutschland (Hamburg, Bremen), Frankreich (Toulouse), in Großbritannien (Filton), in den USA und in China. 
Vor gut zehn Jahren hatte man sich entschieden, die drei Derivate A350/A380 und A400M gleichzeitig zu entwickeln. Dies war ein ehrgeiziges Unterfangen, das nur mit den Mitteln von wissensbasierter Konstruktion und Entwicklung (Knowledge-based Engineering, KBE) umsetzbar erschien – zumal es mit der gleichen Entwicklungsmannschaft gestemmt werden sollte.
Hierfür wurde ein sogenanntes Kommunalitätskonzept entwickelt, das besser unter dem Begriff „Plattformstrategie“ bekannt ist, dem insbesondere die Automobilindustrie das Wort redet. Ziel ist es, über Standardisierungs- und Modularisierungsansätze unter anderem die Gleichteilewiederverwendung zu forcieren – was nicht nur dem Einkauf zugute kommt; es ergeben sich unter anderem interessante Potenziale im Wartungsgeschäft, weil sich die Servicetechniker auf Teilefamilien konzentrieren können, was die Einlernzeit und die Fehlerquote reduziert. Interessant ist dies auch für flugsicherheitsrelevante Teile, da für jedes dieser Bauteile ein separates Zertifikat vergeben wird. Auch die Mitarbeiter profitieren von dem Kommunalitätskonzept, denn Entwicklungsexperten für sicherheitsrelevante Bauteile haften persönlich. 
Im Zuge der Produktentwicklung führte Airbus ganz bewusst bei der Projektabwicklung Quality Gates und ein dediziertes Reifegrad-Management ein, um mehr Transparenz in den Entwicklungsprozessen zu erhalten. Die Erfahrungen beim A320 konnten dabei wenig helfen, weil dieser in den 1980er Jahren noch vollständig in 2D entwickelt wurde und selbst heute nur Änderungen in 3D durchgeführt werden.
Kleiner schilderte ausführlich, welche Situation vor zehn Jahren bei der Einführung von KBE vorlag und welche Vorteile das eingeführte sogenannte Knowledge-Portal, eine Art Dashboard, den Entwicklern bietet. In Analogie zum Produktmodell, das zur Abbildung von PLM-Prozessen benötigt wird, wurde von :em ein Informationsmodell entwickelt, das rollen- und themenspezifisch Zugang zu Wissensquellen bietet.
Gewiss, zu Anfang war die Einführung von einer Art Order-di-Mufti-Entscheidung durch das Airbus-Management geprägt. Allerdings betonte Kleiner, dass inzwischen jeder Konstrukteur diese Vorgehensweise in der Konstruktion zu schätzen weiß. Anteil an diesem beachtlichen Erfolg hat die professionelle Methodik der Wissensakquisition durch :em, der ein entsprechendes Dienstleistungsgeschäftsmodell zugrunde liegt. Insgesamt hat der Dienstleister rund 30 Mannjahre in Form von Forschungsprojekten, Eigenentwicklung und Implementierung geleistet, so dass man heute an einem Punkt angelangt ist, innerhalb von 12 bis 18 Monaten bei einem KBE-Projekt den ROI nachweisen zu können.
Was kann nun der Großanlagenbau aus dieser Keynote lernen? Standardisierung und Modularisierung haben bekanntermaßen in dieser konservativ geprägten Branche noch nicht jene Wertschätzung erhalten, die sie eigentlich verdient hätten – auch wenn insbesondere die universitätsnahe Forschung sich gerne diesem Themengebiet widmet. Es war der überzeugende Vortragsstil Kleiners, der das Auditorium überzeugte, dass KBE das Mittel der Wahl sein kann, will man seine Technologieführerschaft manifestieren.
Dieser Steilpass lief durch den Nachfolgevortrag, bestritten durch Dieter Hofmann von PlantIng, allerdings fast ins Leere. Nicht dass Hofmann in seiner Präsentation die Mächtigkeit des Themas Standardisierung in der Projektabwicklung – ein wichtiger Schritt hin zu KBE – nicht ausreichend motiviert hätte. Auch sparte er nicht damit, wichtige Vorteile zu erwähnen, etwa Standards für die Kommunikation mit Lieferanten, ausgedrückt durch eine vereinheitlichte Namensgebung der Schnittstellen. Es war der fast schon klagende Unterton Hofmanns darüber, dass sich Standards eben nur mit den Großen im Rücken durchsetzen ließen, der einem in den Sinn kommen ließ: „Gut, das Thema kann dann noch zehn Jahre warten, bis sich die Großen untereinander verständigt haben.“ Dabei muss man ganz klar sagen: Hofmann hat recht. Die Platzierung von Pumpen und Tanklagern wiederholt sich in einem Anlagenbauprojekt Dutzende, wenn nicht gar Hunderte Male. Und diese Arbeit, die man bei Airbus wenig schmeichelhaft „Monkey Work“ nennt, kann über vereinheitlichte Prozesse (teil-)automatisiert von einem IT-gestützten System erledigt werden. Außerdem: Standardisierte Prozesse verringern die Einarbeitungszeit neuer Mitarbeiter erheblich. Und natürlich müssen die großen Anlagenbauer und -betreiber vom Nutzen von Standards überzeugt werden. 
In jedem Fall wünscht man sich, dass jene, die sich mit Standardisierung, Modularisierung und KBE in anderen Branchen bereits ihre Meriten verdient haben und wissen, wie Widerstände in den Organisationen aus dem Weg geräumt werden können, sich im Großanlagenbau an die Arbeit machen. 
Der Veranstalter hat ein qualitativ hochwertiges Programm auf die Beine gestellt und mit dem Moderator, Professor Leon Urbas, einen ausgewiesenen Kenner der Szene ins Boot geholt, der bei der thematischen Ausgestaltung mitwirkt. Wir sind also gespannt auf den nächsten Digital-Plant-Kongress, der am 7. und 8. Oktober 2014 stattfinden wird.

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